21.12., 21:15 – Besuch
Ich saß zu Hause vor dem Fernseher, als die Luft neben mir plötzlich kalt wurde — nicht zugig, sondern wie ein heller Schreck in der Temperatur. In derselben Sekunde war sie da: Isabel. Nicht sichtbar, aber spürbar, als säße sie neben mir. Sie hielt mir — so klar, dass ich die Geste kannte — den Arm hin, damit ich ihn streichle, wie früher. Und eine Traurigkeit hob sich in mir an, groß und still.
Ich sagte ihr, dass ich sie jeden Tag vermisse. Dann löste sich die Kälte, als hätte jemand einen Reißverschluss in der Luft wieder zugezogen.
22.12., ca. 04:00 – Die Lichtstadt
Ich wachte auf aus einem Traum, der wie ein Fenster war.
Davor: ein Tag, grau und schwer, eine Umgebung ohne Farbe. Ich lege mich dort schlafen — und „wache“ woanders auf. Ein anderes Zimmer. Von draußen fällt Licht herein. Ich gehe ans Fenster.
Die Stadt, die ich sehe, ist kaum beschreibbar. Nacht — und doch überall Leuchten. Straßen voller hellen Atems. Straßenbahnen fahren, aber sie sind aus Licht gebaut, nicht aus Metall. Überall Menschen und andere Wesen — bewegte Wärme. Aus den Fenstern gegenüber strahlt ein freundliches Gelb — nicht grell, sondern einladend. Der Himmel darüber bleibt dunkel, doch die Stadt selbst ist ein Sanft-Tag in der Nacht.
Ich will hinaus, mitten hinein, Fotos machen. Aber wie so oft im Traum finde ich Kamera und Stativ nicht. Ein kurzer Gedanke huscht vorbei — Times Square—doch der echte kommt mir dagegen wie ein dunkles Loch vor. Hier ist es unglaublich, ein Ort, den ich nicht mehr verlassen möchte.
Durch die Wand höre ich Stimmen. Nebenan steht eine Frau, spricht mit einem Mann, der zum Fenster hinaus sieht. Sie wirkt verärgert, bestimmend. Ich denke an Isabels Eltern — ihr Vater ist seit über einem Jahr tot; von der Mutter weiß ich nichts. Aber das Gefühl bleibt: Sie hat die Hosen an.
Ich schaffe es nachts nicht hinaus. Am Tag dann doch: Plötzlich stehe ich mit Arwen, meiner Tochter, und noch jemandem auf der Straße. Wir gehen an einem Laden vorbei, dessen Schaufenster offen wie eine Theaterbühne ist. Darin stehen Dinge aus Gold und Silber. Erst halte ich sie für Kamine, dann begreife ich: Kaffee — Zubehör, Geräte, glänzende Formen, die an Rituale erinnern.
Eine junge Frau kommt hinter uns her — der Laden scheint ihr zu gehören. Sie ist blind, ein Blindenhund führt sie ruhig. Dann tritt ihre Mutter ein und sagt nur: „Na, dann kann es ja losgehen.“
In diesem Satz liegt ein Startsignal. Und ich wache auf.
Nachklang
Zweimal Nähe in einer Nacht: erst die Kälte, die wie eine Hand ist; dann die Stadt aus Licht, die wie ein Versprechen wirkt. Ich weiß nicht, wo das ist. Aber ich kenne das Gefühl: Jemand sagt mir, dass etwas weitergeht — in mir, mit mir, vielleicht für mich. Und dass es okay ist, beides zu halten: das Vermissen und das Losgehen.
Ich bin mir inzwischen sicher das mir Isabel mitteilen wollte was mit ihr geschah als sie starb, und der Teil mit dem Stativ war von mir.
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