1965 – Das Verschwinden
Ich war ein Kind, 1965, als man mich für sechs Monate in ein Kinderheim schickte. Kein Gespräch, keine Erklärung, nur die Fahrt und das Absetzen — wie ein Paket. Das Heim lag in der Nähe des Bodensees: ein großes Haus, viele Zimmer, lange Flure, die nach Desinfektionsmittel rochen. Metallene Betten, die bei jeder Bewegung anschlugen; Untersuchungen, die mehr wehtaten als erklärten. Spielzeug gab es kaum. Und doch: Ich erinnere mich nicht an „böse Menschen“. Eher an Münder, die zu knapp waren für Tröstliches.
Ich wurde krank; man brachte mich auf eine Art Krankenstation. Mehrere Kinder in einem Zimmer, das Tageslicht gedämpft, der Nachmittagslärm der anderen nur als fernes Summen. Ich schlief dort ein — und wachte an einer Waldlichtung auf. Keine Station, kein Bett. Moosgeruch, kühle Erde, ein schmaler Weg, der am Rand vorbeilief, als wär’s schon immer so gewesen.
In der Ferne rief jemand meinen Namen. Ich antwortete. Stimmen kamen näher, erst Kinder, dann zwei Schwestern, die hinter ihnen auftauchten. Die Kinder liefen zu mir, aufgeregt, erleichtert. Die Schwestern waren zornig. „Warum bist du weggelaufen?“ Ich wusste keine Antwort. In mir war kein „Gehen“ gewesen — nur Schlaf und dann Wald. Ich sagte nichts.
Später erzählten mir die Kinder, ich sei zwei Tage fort gewesen. Zwei Tage? Für mich fehlte kein Tag. Kein Hungerloch, kein frierendes Zittern, keine Erinnerung an Wege. Nur dieses saubere Schneiden in der Zeit: Station — Lichtung.
Es folgten Strafen. Weniger Essen. Spielzeugentzug (so wenig es gab). Die Tage wurden kantig, die Nächte länger. Vertrauen ist ein Tier, das lange braucht; meins kroch unter das Bettgestell und blieb dort.
Jahre später fragten mich meine Eltern, wie ich aus dem Heim gekommen sei. „Die Türen sind nachts verschlossen“, sagten sie. „Wo warst du?“ Sie wollten einen Plan, eine Karte, eine Lücke im System. Ich hatte nur eine Lücke in der Erinnerung. Bis heute.
Was bleibt, ist nicht Schrecken — es ist Stille. Eine Lichtung, ein Weg, mein Name, der über Bäume kommt. Das Wissen, dass Zeit bricht, manchmal, lautlos. Und dass ein Kind zurückgebracht werden kann, ohne zu wissen, wie es fortging.
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