Das Tagebuch der Wanderer / Über den Zustand des Menschen


Vom Guten – und vom Gleichgewicht

Der Mensch ist gut. So sollte es sein.
Aber erkennen wir das Gute noch? Unsere Zeit wirkt, als liefe sie aus dem Ruder — laut, schnell, grob. Tugenden, die einst König Artus’ Runde prägten — Ehre, Mitgefühl, Nächstenliebe, Schutz der Schwachen—gelten vielen als Relikte. Leise Menschen werden für schwach gehalten; Besonnenheit wird mit Feigheit verwechselt. Dabei sind gerade diese Qualitäten Hochleistung der Seele.

Allzu oft bestimmen heute Stimmen den Takt, die nur Lautstärke kennen. In Führungsetagen erhebt sich zu häufig das Recht des Stärkeren zur Methode; Verantwortung wird nach unten delegiert, Schuld nach außen. Zwischen Profit und Prestige verliert sich das Maß. Die Folgen sehen wir — im Kleinen wie im Großen: kalte Entscheidungen, heiße Konflikte, Lebensläufe, die unter Rädern geraten.

Wie konnte es soweit kommen?
Weil wir es zugelassen haben.

Das Universum sucht Ausgleich. Unsere Aufgabe ist, die Waage zurückzustellen — nicht mit Zorn, sondern mit Haltung. Mein Traum: dass die alten Tugenden wieder Oberhand gewinnen. Nicht als Nostalgie, sondern als Zukunftstechnik.


Freitags Nachmittag – Die Übung zum Ausgleich

Ich beginne ab heute, jeden Freitag, mit einer einfachen, kraftvollen Praxis. Mach gern mit — für dich, für eure Familie, für die große Waage.

Das Ritual am Wasser

  1. Ort wählen: Ein ruhiges Gewässer in deiner Nähe (Teich, See, breiter Flussabschnitt, Hafenbecken). Glatte Oberfläche hilft.
  2. Zwei Steine finden:
    • Stein A = Problem (Konflikt, Angst, Verstrickung)
    • Stein B = Lösung/Ausgleich (Frieden, Klarheit, gerechte Ordnung)
  3. Ankommen (1–2 Minuten): Stehen. Atmen. Die Schultern weich werden lassen.
  4. Benennen: Flüstere für dich, wofür Stein A steht. Dann wirf ihn. Beobachte die Wellen.
  5. Ausrichten: Lege die Hand kurz aufs Herz. Formuliere für Stein B, was entstehen soll (z. B. „Einsicht + faire Vereinbarung“). Wirf ihn so, dass seine Wellen auf die ersten treffen.
  6. Sehen: Verfolge, wie sich die Muster überlagern und beruhigen. Sag innerlich: „Ausgleich stellt sich ein.
  7. Abschluss: Dank. Eine Verbeugung — vor dem Wasser, vor der Aufgabe, vor dir.

Kein Wasser in der Nähe?
Stell dir eine Schale mit Wasser bereit (zu Hause, Balkon). Oder führe die Übung im Geist aus: Stelle dir die Oberfläche, beide Würfe und die überlagernden Wellen so klar wie möglich vor. Wirkung folgt der Ausrichtung.

Für Geübte – Feintuning

  • Nutze Atemzahlen (z. B. 4–7–8) vor dem Wurf, um dich zu zentrieren.
  • Formuliere positiv und konkret („klare, faire Einigung bis …“ statt „kein Streit mehr“).
  • Wiederhole bei Bedarf täglich kurz (30–60 Sek.) im Geist, freitags 21:00 dann am Wasser.

Nachverfolgung

  • Führe ein Ritual-Journal: Datum, Thema, Beobachtungen, Veränderungen.
  • Achte auf kleine Marker in der Woche: unerwartete Gespräche, neue Optionen, Temperaturwechsel im Konflikt. Ausgleich zeigt sich oft leise, bevor er sichtbar wird.

Haltung statt Lärm

Diese Übung ist kein Zaubertrick und ersetzt weder Recht noch Verantwortung. Sie ist ein Impulsgeber: Sie richtet dich auf Würde, Klarheit und Mut zur Gerechtigkeit aus — und sie lädt das Feld ein, mitzuschwingen. Sanftmütige sind nicht wehrlos. Sie sind gerichtet.

Wenn viele von uns Freitags die gleiche Welle setzen, entsteht Kohärenz. Das ist Physik und Ethik zugleich.

Sag mir gern, was sich bei dir verändert hat.
Und dann arbeiten wir gemeinsam am Großen Guten: leise, beharrlich, wirksam.

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