
Kindheit, so genannt.
Meine Kindheit – wenn man das so nennen will – war durchzogen von Erlebnissen, die in keine Schublade passen. Nächtliche Lichter. Besucher von der anderen Seite. OBEs. Das waren noch die angenehmen. Der Rest kommt später.
Erzogen wurde ich von meiner Großmutter.
„Fähige Hände“, sagte man.
In Wahrheit: eiserne.
Eine Frau, gehärtet durch zwei Weltkriege, die Kinder behandelte wie Frontsoldaten. Befehl. Gehorsam. Konsequenz. Sauberkeit war Religion. Wir liefen herum wie Schaufensterpuppen: gestärkt, gebügelt, frisiert – auch wenn das bedeutete, fünfmal am Tag die Kleidung zu wechseln.
„Alles aufessen.“
„Nur sprechen, wenn man gefragt wird.“
Und wenn Realität und Regel nicht zusammenkamen: Ohrfeigen.
Freunde waren in Ettenheim rar. Umso mehr bedeutete mir Manny. Und ja – ich spielte manchmal mit anderen Kindern, trotz Verbot. Freiheit schmeckt immer am besten, wenn sie nach Ärger riecht.
Dann kam dieser Tag.
Ein Spiel. Gelächter. Die üblichen Mutproben. Ein falscher Schritt – und ich lag.
Eine Achse von einem Kinderwagen bohrte sich in meinen Oberschenkel. So tief, dass sie sich hinter dem Knochen verkeilte. „Schmerz“ ist ein Wort – aber es reicht nicht. Es ist zu klein. Zu sauber. Zu höflich für das, was da passiert.
Meine „Freunde“?
Weg.
Staubfahnen – sonst nichts.
Ich zog die verdreckte Metallachse selbst heraus. Mit Händen, die nicht mir gehörten. Schock kann stark sein. Er macht aus dir etwas, das funktioniert, während du innerlich längst weg bist.
Dann humpelte ich los. Blut in warmen Schüben das Bein hinab. Stufe für Stufe, bis in den dritten Stock. Hinter mir: eine rote Spur durchs Treppenhaus – wie ein Strich, den man nicht zurückradieren kann.
Oben öffnete meine Großmutter.
Sie sah den Boden.
Dann sah sie mich.
Der erste Impuls war keine Hilfe.
Es hagelte Schläge – für den Dreck im Hausflur.
Erst danach, als hätte man ein Häkchen gesetzt: der Anruf beim Arzt.
Das war’s.
So simpel. So scharf. So endgültig, dass man es bis heute im Mund schmecken kann.
Manchmal ist eine Kindheit eine Schublade voller Messer: Man greift hinein, weil man muss – und hofft, nicht zu tief zu erwischen.
Ich trage die Narbe noch. Unter der Haut – und darüber.
Und beide heilen nie ganz gleich schnell.
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