Das Tagebuch der Wanderer / Nellie


Nellie

Wir hatten einen Hund: Nellie. Collie–Schäferhund-Mix. Schön wie ein Postkartenmorgen. Ein Herz aus Butter, Fell wie warmes Moos.

Als Wachhund war sie völlig ungeeignet. Jeder Einbrecher hätte sie mit einer Scheibe Wurst zum Verbündeten gemacht. Bei Begrüßungen drehte sie auf, als wäre jeder Heimkehrer ein kleiner Sonnenaufgang. Sie war Energie mit Pfoten.

Viele Jahre lief sie wie ein leiser Faden durch unsere Familie.
Dann wurde sie still.

Erst kaum merklich: Sie schlief länger. Suchte Ecken, in denen niemand sie störte. Wir hielten es für Launen. Für Alter. Für eine Phase.

Der Tierarzt nannte es beim Namen: Magen- und Darmkrebs.
Dieses Wort hing im Raum wie kalte Luft.

Sie blieb über den Tag in der Praxis. Wir wollten am nächsten Morgen zu ihr.

Abends, gegen 22 Uhr, fiel bei uns ein Spiegel von der Wand. Glas klirrte auf Fliesen, als wäre etwas Unsichtbares durch den Raum gegangen.

„Immer wenn so etwas passiert, ist jemand gestorben“, sagte meine Großmutter.

Minuten später klingelte das Telefon. Der Tierarzt. Er habe Nellie einschläfern müssen. Sie habe sich sehr gequält.

Wir legten auf, saßen da – und wussten, dass ein Familienmitglied fehlte. Die Wohnung roch nach Reinigungsmittel und leiser Trauer.


Ein Jahr später

Sommer. Nacht.

Ich wachte auf, weil ein Geruch den Schlaf fand – dieser ganz bestimmte Duft: nasses Hundefell nach Regen. Warm. Erdig. Ein Geruch, der nicht fragt, ob du bereit bist.

Ich setzte mich auf.

Kein Fenster offen.

Ich suchte die Quelle.

In der Zimmerecke saß Nellie.

Sie sah mich an, den Kopf leicht schräg – genau wie früher, wenn sie fragte, ob jetzt Spazieren ist. Ich war so perplex, dass die Worte erst nach ein paar Sekunden in mir auftauchten.

Ich sprach mit ihr.

Unsinn eigentlich – und doch notwendig.

Sie antwortete nicht. Hunde müssen nicht sprechen, um verstanden zu werden. Für ein paar Minuten war sie da, vollständig. Echt. Nicht wie Erinnerung, sondern wie Gegenwart.

Dann wurde sie dünner. Durchscheinend wie Atem an Glas.

Und verschwand.

Der Geruch löste sich auf, als hätte jemand die Luft gewechselt.

Da wusste ich: Sie war gekommen, um Tschüss zu sagen.

Seitdem denke ich an sie, wenn ein Hund im Regen tollt: wie das Fell schwer wird, wie das Wasser in Tropfen nachspringt, dieses freche Schütteln bis in die Pfoten.

Dann ist Nellie wieder da – für einen Augenblick.

Und die Welt wird sehr klein.

Und sehr groß zugleich.

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