Das Tagebuch der Wanderer / Der Tisch


Meisenheim 1972/73 – Der Tisch

Wir zogen mal wieder um. 1972/73, ein kleiner Ort namens Meisenheim — so still, dass selbst Fuchs und Hase es sich anders überlegten. Üble Langeweile als Wetterlage. Das Haus: ehemals ein kleiner Bauernhof mit Stall und Obstgarten, Balken, die Geschichten kannten, die keiner hören wollte. Das einzig Interessante: die Nähe zum Rhein, irgendwo hinter Feldern und Stille.

Ein paar Wochen nach dem Einzug. Abend. Mein Zimmer im ersten Stock. Die Dunkelheit war nicht schwarz, eher grau von Straße und Mond. Ich lag im Bett. Am Fußende: ein Tisch — harmlos, vier Beine, ein paar Kratzer vom Vorleben.

Erst war es nur ein Schieben, fast unhörbar. Ein winziges Rucken, das man für Atem halten konnte. Dann wieder. Und wieder.

Die Tischbeine begannen zu schrapen. Ganz langsam, als taste sich jemand von unten vor. Ein dumpfes, trockenes Geräusch über den Dielen: schrr — schrr — schrr. Das Schieben wurde stärker. Zentimeter wurden Handbreite. Der Tisch glitt, hielt inne, glitt wieder, als folgte er einem Befehl, den nur er hörte.

Ich war gelähmt vor Angst. Der Mund blieb zu wie angenäht. Kein Ruf, kein Ton. Nur Augen, die sich nicht schließen konnten. Ich starrte auf Holz, das nicht stillstand. Die Zeit schabte mit, wurde zäh wie kalter Sirup. Eine Stunde? So fühlte es sich an — ein Dehnen, bei dem Sekunden knirschten.

Unten hörte mein Vater die kratzenden Geräusche. Er kam die Treppe hoch, Tür auf.

In dem Moment sah er es selbst: der Tisch bewegte sich — einen letzten Ruck—und stand dann still. Gleichzeitig sah er mich: reglos im Bett, zu weit weg, um zu schieben. Sein Gesicht wurde leer und entsetzt, als hätte jemand das Licht hinter seinen Augen ausgeknipst.

Ich kippte weg. Keine Tränen, kein Schrei. Bewusstlos, wie unter Wasser. Er brauchte lange, mich wieder hochzuholen — Rufen, Schütteln, Tasten. Ich kam zurück wie aus sehr weiter Ferne, ohne Worte für das, was eben wirklich gewesen war.

Wir zogen bald aus. Man kann vieles erklären. Manches nicht. Manchmal reicht es, wenn ein Tisch weiß, wie man eine Nacht umdreht. Danach will man andere Wände. Andere Böden. Und Türen, die nur aufgehen, wenn Menschenhände sie öffnen.

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