Das Tagebuch der Wanderer / Explosion-Sommer 2017


Berlin, zwei Knalle

Steglitz – Buswartehäuschen, Mai

Friedrich-Wilhelm-Platz. Samstagnachmittag, Berliner Mischlicht: ein bisschen Abgas, ein bisschen Lindenblüte, ein bisschen Regen von gestern. Ich warte auf den Bus nach Tempelhof, scanne die Anzeigetafel wie immer, halb abwesend.

Dann zerreißt ein Knall die Straße — nicht laut, brutal. Der Ton hat Kanten. Luft wird fest. Ich spüre die KEINE Druckwelle in der Jacke, im Brustbein. Reflex: Blick nach Rauch, gesprungene Scheiben, zerborstene Auspuffe — nichts. Keine Flamme, kein Funkenregen, nur Gesichter, die für einen Moment leer sind und sofort so tun, als sei das Geräusch in einem anderen Viertel passiert.

Ich rufe die Polizei. Kurze Fragen, kurze Antworten. Skepsis als Schicht auf der Stimme. Dann Glück: Eine Frau auf dem Rad, zwei Kinder im Schlepptau — sie hat’s auch gehört, auch gespürt. Die Beamten nicken, fahren die Umgebung ab. Ergebnis wie immer: keine Ursache. Das Geräusch bleibt stehen wie ein Möbel, das keiner ins Zimmer getragen hat.

Beunruhigend? Ja. Und seltsam vertraut, als hätte die Stadt sich kurz verschluckt.

Tiergarten – Schleusenkrug, ein Monat später

Ich gehe, wenn ich kann. Von Charlottenburg rüber in den Tiergarten — öffentlicher Nahverkehr ist in dieser Stadt ein Glücksspiel, und ich mochte noch nie Automatenstimmen. Der Weg zur Schleuse: Wassergeruch, Krähen, die Eisenbahnbrücke vor mir, dieses alte Metall, das jeden Zug in eine kleine Predigt verwandelt.

Genau unter der Brücke passiert es.

Links, knapp über der Straße, hängt ein Licht — winzig erst, als wäre ein Staubkorn selbstleuchtend geworden. Dann wird es größer, nicht hektisch, zielstrebig, als folgte es einer Vorschrift, die älter ist als Ampeln. Ich bleibe stehen. Der Tiergarten hält den Atem.

Der Rumms kommt wie ein Schlag mit einer flachen Hand gegen die Welt. Kein Splitterregen, keine Druckfront, die Bäume biegen sich nicht. Aber der Klang ist körperlich, er fährt durch mich hindurch. Vom Schleusenkrug her reißen Stühle über Kies, Stimmen kippen nach oben, Schritte in alle Richtungen. Jemand ruft „Was war das?!“ und rennt — zu dem Ort, weg vom Ort, es ist egal: Es dauert insgesamt Sekunden, und doch macht es einen Riss in den Nachmittag.

Zurück bleiben: das Nachzittern im Zwerchfell, die Stille, die sich trocken anfühlt, und ein Bild — ein Punkt aus Licht, der wuchs, bis er sich selbst auflöste.

Was bleibt

Zweimal Knall, zweimal keine Spuren. Einmal Steglitz, einmal Tiergarten. Polizei, Suchfahrt, Schulterzucken. Und ich dazwischen mit einer sehr einfachen, sehr hartnäckigen Frage: Wohin geht die Energie, wenn sie nicht hier bleibt?

Beunruhigend? Ja. Aber auch fesselnd — weil man an solchen Tagen spürt, dass unter dem Asphalt noch eine zweite Stadt liegt: die aus Ereignissen, die nur kurz sichtbar werden und dann so tun, als wären sie nie da gewesen.

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