
Als die Sterne eingriffen
1996. Der Brief meiner Tante lag wie ein kleiner Auftrag im Kasten: Ob ich beim Umzug helfen könne — ihrem und dem ihrer Nichte. Meine Mutter warnte: Lass es. „Nur Probleme.“
Ich war weichgeklopft von einem neuen Job im öffentlichen Dienst, wo Mobbing zur Disziplin erhoben wurde. Alles in mir wollte weg. Also fuhr ich, gegen ihre Ahnung, in den Süden, an den Kaiserstuhl. Ich hatte ein gutes Gefühl, zäh wie ein Faden, der nicht reißen wollte.
Die Wohnung meiner Tante: schick, ordentliche Schatten, Nachbarschaft mit Blickkontakt. Ein paar Häuser weiter: die Nichte. Zwei Umzüge am selben Tag — Kisten, Klebeband, Treppenhäuser, das Knacken in den Schultern. Abends fuhren wir in den Schwarzwald. Erste Tage: Aufbau, Einrichtung, Anweisungen. Je langsamer das Möblieren, desto schlechter die Laune meiner Tante. Irgendwann war sie ungenießbar. Irgendwann hatte ich die Nase voll. Vielleicht hatte meine Mutter recht gehabt.
Festgesessen
Ich ging zum Bahnhof, kaufte mir in Gedanken schon die Rückfahrkarte — und lief gegen eine Wand: Schalter zu. Automaten tot. Kein Ticket, kein Zurück. Ich saß fest.
Am Nachmittag ging ich in den nahen Wald. Ich sprach laut, damit die Bäume Zeugen waren:
Was soll ich hier? Warum bin ich hier? Was soll das alles?
Da spürte ich etwas in der linken Hand, ein Zupfen, ein Aufwallen. Eine feingliedrige Frauenhand lag plötzlich in meiner — verschwommen, nebelhaft, aber da. Ich blieb stehen, starrte hin. Nach Sekunden löste sie sich auf, wie Atem an Glas. Das Gefühl blieb. Warm. Unendlich sanft. Es blieb Jahre. Es ist noch heute greifbar, wenn ich mich darauf konzentriere.
Ich ging zurück, still wie eine frisch gezogene Saite.
Der Himmel antwortet
Am Abend wollten meine Nichte, ihr Freund und ich den Kometen Hale-Bopp mit einem Teleskop ansehen. Wir standen auf dem Parkplatz vor dem Haus, die Luft kühlte ab, der Himmel war klar. Nach einer Weile starrte der Freund meiner Nichte nach oben — stumm, ungläubig. Ich folgte seinem Blick.
Ein brennender Meteor kam direkt auf uns zu.
Flammen schlugen aus dem Körper, ein kleiner Sonnenbrand auf Reisen. Er wurde größer, schnell, zu schnell. Eigentlich wäre jetzt der Moment gewesen, zu rennen. Wir rannten nicht. Wir standen, wie angewurzelt, und schauten zu, als hätte jemand auf Zeitlupe und Stummschaltung gedrückt.
Als der Meteor nur noch wenige hundert Meter über uns war, teilte er sich. Brennende Stücke lösten sich wie glühende Orangenfilets: Ein Schauer flog direkt auf das Haus meiner Tante zu, der andere auf das Haus meiner Nichte. Kurz vor dem Einschlag erloschen die Flammen — als hätte jemand einen unsichtbaren Schalter umgelegt. Es blieb ein leises Prasseln, dann Stille.
Der Himmel hatte etwas abgewendet, das ich nicht in Worte bekomme. Und er hatte es gezeigt. Manchmal greifen Sterne ein — nicht als Wunder, sondern als Korrektur.
Nachtgedanken
Ich schlief kaum. Die Ereignisse des Tages, die Hand im Wald, der Meteor wie ein geteilter Satz — alles drehte sich. Was läuft hier ab? war der einzige Gedanke, der keine Antwort wollte.
Am Morgen, zerschlagen, trug ich eine schwere Kiste von der Wohnung meiner Tante zur Wohnung meiner Nichte. Am Ziel: Hände voll, keine frei. Ich drückte mit einem Finger die Klingel, lehnte mich gegen die Tür — und sie wurde von innen aufgerissen. Ich stolperte mitsamt der Kiste direkt in die Arme eines Mädchens.
Es lächelte. Nicht nett. Überwältigend. Das schönste Lächeln, das ich je gesehen habe. Ein Gegenzauber zu den grimmigen Gesichtern, die mich seit Tagen begleiteten. Ich murmelte eine Entschuldigung, brachte die Kiste hinein, völlig konsterniert.
Das Lächeln ließ mich nicht los.
Ich fragte den Freund meiner Nichte unauffällig, wer sie sei. Er nannte den Namen. Mein Abreisetermin rückte heran. Ich schrieb einen Brief mit meiner Berliner Adresse, bat um Nachricht — und warf ihn in den falschen Briefkasten. (Ich hoffe bis heute, ich habe damit keine Ehe ruiniert.) Schließlich landete ein neuer Brief in der richtigen Klappe. Als ich nach Berlin zurückkam, lag Post für mich bereit.
Aber das ist eine andere Geschichte.
Was bleibt
Diese Tage zeigen mir bis heute, dass wir nicht so getrennt sind, wie wir denken. Ein Wald, der antwortet. Ein Himmel, der korrigiert. Eine Hand, die bleibt, obwohl sie verschwindet. Ein Lächeln, das einen Kurs ändert.
Und dazwischen ich, der lernen musste, auf Zwischenräume zu hören: auf das, was weder Zufall noch Plan ist — sondern Fügung in Bewegung.
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