Das Tagebuch der Wanderer/Isabels Geburtstag


02.08. – Für Isabel

Gestern, am 02.08., hatte mein Engel Isabel Geburtstag. Vier Jahre sind vergangen, und ich vermisse sie jeden Tag.

Aus meinem Umfeld höre ich oft: „Kehre doch ins normale Leben zurück. Umgib dich mit den Lebenden.“ Also habe ich gestern ihre Bilder gelöscht, ihr Buch weggelegt. Für einen Moment fühlte es sich „richtig“ an — wie Gehorsam gegenüber einer Regel, die nie die meine war.

Heute wache ich auf und denke: Was für ein Unsinn.
Warum sollte ich die eine Person, die mir wirklich gutgetan hat, aus meinem Leben entfernen — während ich andere, die mir nicht gut tun, behalte? Das ist doch die eigentliche Schizophrenie.

Also habe ich die Entscheidung zurückgenommen: Bilder wieder sichtbar, Buch zurück ins Regal, Erinnerung angeschaltet. Denn, ehrlich gesagt, sind viele „Lebende“ toter als Isabel — gefühllos, wie Untote im Tageslicht. Isabel ist lebendig in allem, was sie berührt hat: in meinem Blick, meinem Atem, meinem Takt.

Ich sehe es klarer denn je: Wir leben in einer Gesellschaft, die das Gute ausblendet und sich mit dem Schlechten umgibt — aus Bequemlichkeit, aus Angst vor Tiefe. Ich nicht. Ich entscheide mich für das Gute, das mich getragen hat. Für Isabel. Für Erinnerung als Nahrung, nicht als Last.

Das ist mein „normales Leben“: wahrhaftig, nicht verordnet. Und in diesem Leben hat Isabel Platz — jeden Tag.

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